Ringen in Frankfurt – Der ASV Griesheim im Interview

Ringen Frankfurt: Ringerverein ASV Griesheim im GesprächUnser-Frankfurt sprach im Interview mit dem ehemaligen Ringer Sebastian Kromer vom ASV Griesheim über die Sportart Ringen (speziell für Jugendliche), die Ringervereine und das mögliche Olympia-Aus. Sebastian Kromer ist einer von sechs Jugendtrainern beim Athletik-Sportverein Griesheim 1900 e.V., dem letzten aktiven Ringerverein im Stadtgebiet Frankfurt am Main.

UF: „Herr Kromer, wann haben Sie mit dem Ringen angefangen und wie kamen Sie zu dieser doch eher außergewöhnlichen Sportart?“

SK: „Ich habe im Jahr 1987 als Sechsjähriger mit dem Ringen beim ASV angefangen und diese Sportart 15 Jahre als aktiver Sportler ausgeführt. Zu dem Sport kam ich durch Erzählungen meines Vaters, der in seiner Jugend selbst für den ASV auf der Matte stand. Ich habe als Kind auch diverse andere Sportarten, wie Fußball oder Tischtennis ausprobiert, aber der Ringkampf hat mir am besten gefallen.

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UF: „Was genau hat Sie an dieser Sportart so fasziniert?“

SK: „Ich denke es war damals einfach das Kräftemessen mit anderen Kindern, in einem fairen Wettkampf. Mir hat diese Sportart auch am besten gelegen.“

UF: „Zurzeit taucht die Sportart Ringen in allen Medien in Verbindung mit dem möglichen Olympia-Aus auf. Wie haben Sie die Nachricht aufgenommen?

SK: „Ich konnte es zunächst nicht glauben, dass Ringen, eine der ältesten Sportarten die es gibt, ab dem Jahr 2020 nicht mehr olympisch sein soll. Für mich persönlich gehört Ringen zu der Olympiade, genauso wie z.B. die Leichtathletik. Beide Disziplinen waren bereits in der Antike fester Bestandteil der olympischen Spiele. Auch nachdem ich die zweifelhafte Begründung des IOC gelesen habe, hat sich mir der Grund für das Olympia-Aus nicht erschlossen. Ich habe mir die Frage gestellt, was aus dem olympischen Gedanken geworden ist. Der Umstand, dass Sportarten, die sonst nicht im Fokus der medialen Berichterstattung stehen, bei den olympischen Spielen vertreten sind, hat für mich den besonderen  Reiz der olympischen Spiele ausgemacht.

UF: „Was sind für Sie persönlich die Gründe für das Olympia-Aus?“

SK: „Das ist schwierig zu beantworten. Wenn es einfach wäre, würden wir darüber jetzt nicht sprechen. Natürlich ist Ringen in Deutschland nicht gerade die bekannteste Sportart, aber in Ländern wie z.B. Russland, Iran, Bulgarien, USA und der Türkei hat Ringen einen sehr hohen Stellenwert und ist teilweise sogar Volkssportart. Aus der globalen Sicht heraus ist die Entscheidung des IOC für mich nicht nachvollziehbar. Allerdings muss ich auch sagen, dass es in den letzten Jahren sehr viele Regeländerungen gegeben hat, die das Ringen für Außenstehende zu undurchsichtig hat werden lassen. Natürlich müssen sich die deutschen Vereine auch ein Stückweit selbst an die eigene Nase fassen, die Vorzeichen nicht selbst früh genug erkannt zu haben.  Andererseits begreife ich die aktuelle Diskussion auch als Chance für den Ringkampf, angesichts des medialen Interesses und nicht zuletzt durch das weltweite Engagement der einzelnen Verbände in dieser „Krise“. Schade nur, dass es soweit kommen musste.“

UF: „Warum hat aus Ihrer Sicht die Sportart Ringen ihre Daseinsberechtigung bei den olympischen Spielen? Oder allgemein gefragt, was macht diesen Sport aus?

SK: „Ringen ist eine sehr komplexe, eine komplette Sportart. Jeder Muskel wird beansprucht. Wer schon mal ein Ringertraining absolviert hat, der weiß wovon ich spreche. Nicht nur aus der Tradition heraus gehört Ringen für mich zu den olympischen Disziplinen, auch an sich ist Ringen eine Sportart, die einem alles abverlangt. Man muss topfit sein für diesen Sport und ohne jahrelanges und hartes Training ist Ringen auf einem Niveau wie bei den olympischen Spielen nicht durchzuführen. Man muss diesen Sport leben, auch außerhalb der Trainingszeiten. Ein Spitzenringer muss genauso hart, wenn nicht noch härter trainieren, als Profi-Sportler aus anderen Bereichen.

UF: „Sie selbst waren Ringer und sind jetzt Jugendtrainer für diese Sportart. Was macht denn speziell Ihr Verein, der ASV Griesheim, um das Ringen etwa für Jugendliche interessant zu machen bzw. wie kommen Jugendliche eigentlich zum Ringen, obwohl in Deutschland doch andere Sportarten sehr stark dominieren?“

ASV-Griesheim

Jugend des ASV Griesheim

SK: „Es ist schwer Jugendliche oder Kinder für diesen Sport zu begeistern. Es ist kein bequemer Sport, den man einfach mal so, mit ein wenig Training beherrschen kann. Wie schon erwähnt, ist alleine das Training sehr hart, auch wenn wir versuchen in unseren Trainingseinheiten für Kinder das Ganze spielerisch zu gestalten. Die Kinder und gerade die Jugendlichen müssen natürlich auch Spaß an der Sportart entwickeln, das ist sehr wichtig. Heutzutage ist es verständlicherweise sehr schwer Kinder zum Ringen zu bewegen, wo doch Sportler aus anderen Sparten  wie z.B. dem Fußball schon als eine Art Popstar verehrt werden und das Ringen komplett aus den Medien verschwunden ist.

Unser Jugendleiter Rolf Prinz und unser sportlicher Leiter im Nachwuchsbereich Frank Vinson, haben die Zeichen der Zeit erkannt und vor ca. zwei Jahren entsprechende Reformen im Jugendbereich des ASV angestoßen. Unsere Jugendtrainer-Anzahl hat sich seitdem fast verdoppelt. Wir können nun gezielte Trainingseinheiten für verschiedene Altersgruppen und mit verschiedenem Leistungsstand anbieten. Wir können einfach besser auf die speziellen Bedürfnisse der Kinder eingehen und ein gezielteres Training ausüben. Das spiegelt sich an unseren aktuellen Leistungen und an unserer angewachsenen Zahl der Jugendlichen wieder. So bieten wir zurzeit ein Bambini Training für Kinder ab vier Jahren an, in dem die Kinder überwiegend mit Turnübungen gezielt in Motorik und Koordination geschult werden. Bei den Bambini steht das Ringen an sich noch nicht im Vordergrund, wir legen mehr Wert auf ein gesundes Körpergefühl unserer Kleinsten. Neben einem weiteren Training für Anfänger zwischen 7 und 12 Jahren findet unser Haupttraining für 7 bis 14jährige zwei Mal in der Woche statt. Frank Vinson bietet an mehreren Samstagen im Jahr ein Talentfördertraining an und ist auch Trainer einer Kinderhort-Gruppe. Wir haben auch schon Ringer AG´s für Schulen und weitere Kindergärten angeboten und durchgeführt, damit die Kinder den Sport kennenlernen können. Dies kommt bei den Kindern sehr gut an und wir haben dadurch bereits Erfolge in Form von Mitgliederzuwächsen erzielen können. In den Zeiten von Internet muss man natürlich auch hier gut vertreten sein, dies haben wir auch vor 2 Jahren vorangetrieben und uns hierbei stark verbessert. Alle unsere Jugendtrainer waren und sind erfolgreiche Ringer und jeder einzelne ist mit Herzblut dabei, was die Kinder natürlich auch merken.

UF: „Warum ist Ringen ein geeigneter Sport für Kinder und Jugendliche?“

SK: „Meiner Meinung nach ist in der heutigen Zeit Sport im Allgemeinen sehr wichtig für Kinder und Jugendliche. Früher war es normal, dass jedes Kind in irgendeinem Verein eine bestimmte Sportart ausgeübt hat. Heute machen viele Kinder neben dem Schulsport  gar keinen Sport mehr, da sie lieber zu Hause sind und Videospiele spielen oder vor dem Fernseher sitzen. Beim Ringen lernen die Kinder einen respektvollen Umgang miteinander und gewinnen an Selbstvertrauen, Teamfähigkeit und Mut. Ringen schult den Körper in Kraft, Ausdauer, Koordination, Kondition und Schnelligkeit, wie kaum eine andere Sportart. Wir bringen den Kindern auch die Rücksichtnahme auf Andere und den Umgang mit anderen Kindern bei, in dem wir gezielt durch Partnerübungen und Gruppenübungen darauf eingehen. Es liegt ja auch in der Natur eines jeden Kindes mal mit anderen Kindern zu raufen oder die Kräfte zu messen, dies können sie bei uns auf fairer Basis und unter Aufsicht tun. Ringen dient auch dem Aggressionsabbau und fördert das soziale Verhalten der Kinder. Mein Sohn nimmt auch seit 1,5 Jahren an dem Training und den Wettkämpfen teil und ich kann bei ihm die Entwicklung all dieser positiven Eigenschaften beobachten. Ringen eignet sich perfekt als Präventionsmaßname gegen Haltungsschwäche und Übergewicht und den daraus resultierenden Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems und der Bewegungs- und Haltungsorgane. “

UF: „Das hört sich ja alles sehr gut an. Aber warum üben dann nicht mehr Kinder und Jugendliche diesen Sport aus?“

SK: „Ich glaube, dass Kampfsportarten im Allgemeinen in Deutschland einen eher schlechten Ruf haben. Sie gelten als Rau und die Eltern haben Angst, dass sich ihre Kinder verletzen. Tatsächlich gehört speziell das Ringen zu den Sportarten bei denen das Verletzungsrisiko eher gering ist, da der Sport klaren Regeln unterstellt ist und der Bewegungsablauf sehr natürlich ist. Studien beweisen, dass Kampfsportarten nicht risikoreicher für Verletzungen sind als Ballsportarten. Voraussetzung von Verletzungsfreiheit in allen Sportarten ist natürlich die körperliche Fitness des Sportlers und diese erreichen die Kinder bei uns. Ein guter Ringer hat tendenziell auch wenig Probleme in anderen Sportarten.

UF: „Also muss der allgemeine Ruf von Kampfsportarten verbessert werden?“

SK: „Ja, davon bin ich überzeugt. Ich kann ja auch in gewisser Weise die Eltern verstehen, die Angst haben ihre Kinder zum Ringen zu schicken. Aber ich würde mich freuen, wenn die Eltern der Kinder, die sich für das Ringen interessieren, einfach mal beim Training vorbeischauen und sich selbst ein Bild machen. Konkrete Informationen zu unserem Verein findet man im Internet unter www.ringen-frankfurt.de

UF: „Wenn ich nach einem Ringerverein in Frankfurt suche, finde ich nur den ASV Griesheim. Warum tun sich Randsportarten in Städten so schwer?“

SK: „Also der Begriff Randsportart gefällt mir gar nicht. Mir stößt die Verwendung dieses Begriffes sauer auf, egal für welche Sportart er verwendet wird. Für mich hat jede Sportart ihre Daseinsberechtigung und jeder Sport ist gut für Körper und Geist und dient somit einem guten Zweck. Aber ich verstehe worauf sie hinaus wollen. In Großstädten haben wir das Problem, dass Kinder und Jugendliche, die Sport treiben wollen, so viele Möglichkeiten für sportliche Betätigungen haben und natürlich eher den Sport ausüben, der in den Medien populär dargestellt wird. Ein weiteres Problem ist zudem, dass es speziell in Großstädten schwieriger geworden ist Sponsoren zu finden. Für Vereine in ländlichen Gebieten sieht das schon etwas anders aus, wenn auch nicht überragend.

UF: „Ihr abschließendes Wort zur Situation des Ringsports?“

SK: „Die aktuelle Medienpräsenz, wenn auch aus traurigem Anlass, müssen wir als Chance nutzen. Jeder einzelne, der mit dem Ringen zu tun hat sollte sich selbst hinterfragen und über Verbesserungen von der Vereins- bis zur Landesebene nachdenken und diese umsetzen. Aber auch der Weltverband FILA muss sich hinterfragen und den Sport für den Zuschauer attraktiver machen.

UF: „Vielen Dank für das interessante Gespräch. Wir von Unser-Frankfurt drücken dem Ringsport auf jeden Fall die Daumen“

SK: „Ich danke Ihnen.“

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